73 Zentimeter Mauerwerk im Altmühltal
Massiver gehts kaum – das Hüttental:
Schulungszentrum & Mechatronikerzentrum
Der Architekt Paulus Eckerle ist ein Mann mit einer Mission. Seit den 1990er-Jahren will er den althergebrachten Baustil seiner Region bewahren und behutsam modernisieren. Seine Region – das Altmühltal. Der dortige Baustil – das so genannte Jurahaus, dessen Wurzeln der Architekt aus Titting bis ins 12. Jahrhundert zurückverfolgt. Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts geriet das Jurahaus aus der Mode und irgendwann in Vergessenheit.
73 Zentimeter Ziegel statt Klimatechnik
Die zweischalige Gebäudehülle aus U9-Planziegeln sorgt für ein ausgeglichenes Raumklima und macht aufwendige Klima- und Lüftungstechnik weitgehend überflüssig.
Bewährtes Prinzip – konsequent umgesetzt
Auch bei der „Klimabox“ kommt die zweischalige Gebäudehülle zum Einsatz. Sie sorgt für ein ausgeglichenes Raumklima und reduziert den Bedarf an technischer Klimatisierung.
Schulungszentrum
Historisches Vorbild neu interpretiert
Was genau ist ein Jurahaus? Ein schlichtes Gebäude mit sehr flachem, kaum überstehendem Satteldach. Auf dem Dach liegen meist Legschieferplatten. Die Mauern aus Bruchsteinen wirken massig, „elementarig und steinig“, wie Eckerle formuliert. Sie haben nur wenige Öffnungen. Sehr reduziert ist so ein Jurahaus, ohne jeden Schmuck, fast notdürftig. Und laut Paulus Eckerle genau das Richtige für die Landschaft im Altmühltal.
ETS DIDACTIC ist ein Anbieter von Schulungssystemen, spezialisiert auf Ausbildungssysteme für Industrie 4.0. Die Firmenzentrale findet man in Haunstetten nördlich des Altmühltals. Für ETS konzipierte Paulus Eckerle ein neues Schulungsgebäude – ein großzügiger Bau, in dem trotz einer Glasfassade viel Jurahaus steckt. Gebaut wurde es in den Jahren 2016 bis 2018 im Gewerbegebiet von Haunstetten. Nach einem legendären ersten Gespräch zwischen Bauherr und Architekt: Im Wirtshaus sitzend, nach gebratener Forelle, zeichnete Eckerle seinem Auftraggeber auf einem Wirtshaus-Block der Brauerei Gutmann erste Skizzen.
| Bauzeit | 2016–2018 |
| Gebäudetyp | Schulungszentrum |
| Gesamtfläche | ca. 2.200 m² |
| Abmessungen L × B | 43 x 26 m |
| Konstruktion | monolithischer Ziegel Planziegel-U9 2 × in Stärke 36,5 cm = 73 cm |
| Wärmeschutz | U-Wert Außenwand 0,11 W/(m²K) Fenster 0,65 W/(m²K) |
| Anlagentechnik | Eisenergiespeicher plus Wärmepumpe, Photovoltaik |
| Energetischer Standard | besser als Passivhaus-Standard |
| Besonderheit | Nachhaltiges und CO2-neutrales Heizen & Kühlen, Doppelschalen-Außenwand ersetzt Luftkühlung und Belüftungssystem |
| Bauherr | ETS DIDACTIC GMBH, Kinding |
| Architektur | Paulus Eckerle, Titting |
| Tragwerksplanung | Ingenieurbüro Wolfrum GmbH, Nürnberg |
| Bauunternehmen | J. Englmann Bau-GmbH, Berching |
Licht, Luft und Lernräume
2200 m² nutzbare Fläche hat das neue Schulungszentrum auf zwei Stockwerken. Die Schulungsräume öffnen sich hin zum zentralen Atrium. Eckerle hat sie relativ gleichförmig angelegt. Ebenerdig sind sie 3,75 Meter hoch, im Obergeschoss mit offenem Dachstuhl noch deutlich höher, das zentrale Atrium sowieso. Das ermöglicht viel Luftaustausch. Dank hoher Fenster braucht man wenig Kunstlicht. Die tiefen Fensterlaibungen sorgen für natürliche Verschattung, und an der Westfassade ist ein mechanischer Sonnenschutz, um den Tageslichteinfall zu regulieren.
Im Bereich der Eingangshalle liegen ein Empfangsbüro, ein Besprechungsraum und eine Cafeteria. Die Böden sind aus Keramik und Naturstein. Warme Effekte liefern die Türen und Türrahmen aus Eichenholz. Von außen zeigt sich der Bau schlicht, wie man es vom Jurahaus kennt: hell verputzt mit anthrazitfarbener Dachfläche. Die Fenster wurden hier fugenlos gesetzt, nicht in eine Fensterlaibung, sondern in das ausgeklinkte Mauerwerk. Das vermeidet Wärmebrücken und spart Energie.
Mechatronikerzentrum
„Klimabox“
| Bauzeit | 2020–2023 |
| Gebäudetyp | Mechatronikerzentrum |
| Gesamtfläche | ca. 4.050 m² + Bestand 1.100 m² |
| Abmessungen L × B | 40 × 35 m + Bestand 30 x 25 m |
| Konstruktion |
monolithischer Ziegel Planziegel-U9 2 × in Stärke 36,5 cm = 73 cm |
| Wärmeschutz |
U-Wert Außenwand 0,11 W/(m²K) – Neubau Fenster 0,65 W/(m²K) – Neubau |
| Anlagentechnik |
Eisenergiespeicher plus Wärmepumpe, Photovoltaik |
| Energetischer Standard | besser als Passivhaus-Standard |
| Besonderheit |
Nachhaltiges und CO2-neutrales Heizen & Kühlen, Doppelschalen-Außenwand ersetzt Luftkühlung und Belüftungssystem |
| Bauherr | ETS DIDACTIC GMBH, Kinding |
| Architektur | Paulus Eckerle, Titting |
| Tragwerksplanung | Ingenieurbüro Wolfrum GmbH, Nürnberg |
| Bauunternehmen | J. Englmann Bau-GmbH, Berching |
73 Zentimeter Ziegel statt Klimatechnik
Ein Gebäude, so massiv, wie man es selten sieht. 73 Zentimeter messen die Außenmauern. Ja: 36,5+36,5=73 Zentimeter. Denn das war Eckerles Idee: Er baute zweischalig, zwei komplette Gebäudehüllen, beide aus U9-Planziegeln. Rechnerisch geht das auf: Die zweite Schale im Mauerwerk kostete neunzigtausend Euro. Nur etwa ein Viertel dessen, was man für eine Klima- und Lüftungsanlage hätte bezahlen müssen, wenn das Gebäude in konventioneller Bauweise entstanden wäre und eine solche Anlage ein Muss gewesen wäre. Gespart wird weiterhin: Es entfallen die Kosten für Unterhalt und Wartung einer Lüftungs- und Klimaanlage. Während der gesamten Lebensdauer des Gebäudes. Hier hat Eckerle Technik minimiert an einer Stelle, wo viele vergleichbare Verwaltungsgebäude derzeit maximieren.
Heizen und Kühlen mit Eis
Ein Eis-Energie-Speicher ist die zweite Besonderheit, die Eckerle hier einplante. Damit lässt sich jeder Raum im Gebäude nachhaltig heizen und kühlen, und zwar vollkommen CO2-neutral. Eine zusätzliche Kühlung oder Heizung braucht es allerdings nur bei extremen Wetterlagen, weil die massive Bauweise des Hauses schon vieles ausgleichen kann. Das unterstreicht den Namen, den Eckerle diesem Projekt gab: Klimabox.
Das System aus Eis-Energie-Speicher und Sole-Wasser-Wärmepumpe bekommt Strom der Photovoltaik-Anlage. Die Wärmepumpe speist sich aus drei Wärmequellen: dem Eis-Energie-Speicher, Dachkollektor und Ringgrabenkollektor. Am Ende der Heizperiode entzieht ein Wärmetauscher dem Wasser im Eisspeicher so viel Energie, bis das Wasser gefriert. Die Kristallisations-Energie wird genutzt, um im Sommer zu kühlen. Am Ende des Sommers ist das Wasser komplett aufgetaut, und man kann im Winter die zusätzliche Energie nutzen. So hilft der Eisspeicher dabei, überschüssige Energie des Sommers in den Winter zu verschieben. Das gesamte Gebäude wird somit ausschließlich über regenerative Energien geheizt und gekühlt.
Copyright: Schlagmann Poroton, Paulus Eckerle, BVZi, ETS DIDACTIC GMBH