Studie versachlicht die Debatte um „graue Energie“

Baustoffe im Vergleich: je länger, je geringer die Unterschiede

Womit baut man ein ökologisch sinnvolles, zukunftsfähiges Einfamilienhaus? Hierüber kann trefflich gestritten werden. Denn es geht längst nicht mehr nur darum, wieviel Energie ein Gebäude aus einem bestimmten Material später verbraucht. Der Fokus rückt weg vom Betrieb des Gebäudes und immer stärker auf seine Errichtung und die vorgelagerten Prozesse. Die „graue Energie“ der jeweiligen Baumaterialien gewinnt an Bedeutung.

Als „graue Energie“ wird jene Energiemenge bezeichnet, die man braucht, um ein Produkt herzustellen, zu transportieren, zu lagern, zu verkaufen, zu verbauen und am Ende zu entsorgen. Mit einbezogen werden auch alle Vorprodukte bis zur Rohstoffgewinnung sowie der Energieeinsatz aller angewandten Produktionsprozesse.
Auf den Lebenszyklus kommt es an

Das Forschungsinstitut für Wärmeschutz in München (FIW) ist dem Thema jetzt auf den Grund gegangen und hat für ein Einfamilienhaus exemplarisch alle Werte verglichen. Allerdings wurde dabei schnell klar: Die Methoden, um die „graue Energie“ zu bestimmen, sind noch nicht optimal ausgereift. Verglichen wurden Massiv- und Holzbaukonstruktionen der Außenwand, fünf verschiedene Mauerwerkskonstruktionen und zwei Lösungen mit Holzbau.

Die größte Erkenntnis war: Welchen Wandbaustoff man wählt, ist noch nicht entscheidend für die Frage, wie nachhaltig das Haus am Ende ist. Denn um die „graue Energie“ korrekt zu bewerten, kommt es nicht nur auf einzelne Bauteile an, sondern auch auf deren Rolle im gesamten Lebenszyklus des Gebäudes. Die Bilanz der Forscher: Auf lange Sicht gebe es, was die „graue Energie“ angeht, keine signifikanten Unterschiede zwischen Holz- und Mauerwerkskonstruktionen.

Weitere Erkenntnisse: Wer im Betrieb eines Gebäudes Energie sparen will, verbaut am Anfang mehr Material, hat damit also auch einen höheren Aufwand an „grauer Energie“. Und das gilt für alle Wandsysteme gleichermaßen. Doch das lohnt sich – die späteren Einsparungen machen es allemal wieder wett. Für die Gesamt-Analyse entscheidend bleibt, wie hoch der Primärenergie-Aufwand im Betrieb dann ist. Und seine Bedeutung nimmt noch zu, je länger das Gebäude genutzt wird. Umso geringer wird im selben Zug die Bedeutung der „grauen Energie“. Das spricht klar für langlebige Bauweisen.
Das Material ist erst entscheidend, wenn mann auch Aspekte wie Statik, Schallschutz und Brandschutz betrachtet

Die Untersuchung ergab außerdem: Die Bauweisen sind gar nicht so verschieden. Wenn man denselben energetischen Standard vorgibt und mit üblichen Nutzungsdauern rechnet, fallen die Unterschiede am Ende sehr gering aus. Weil es für jede der Bauweisen inzwischen viele Varianten gibt, kann man auch wirklich vergleichbare oder gleichwertige Lösungen wählen. Allerdings: Viele andere wichtige Aspekte wie Statik, Schallschutz und Brandschutz wurden bei dieser Betrachtung komplett ausgeklammert.

Am Ende stand: Die Forscher können, was die „graue Energie“ angeht, derzeit keinen Baustoff uneingeschränkt empfehlen und auch keinen verwerfen. Wichtig sei ein ausgewogenes Verhältnis ökologischer, ökonomischer und bautechnischer Aspekte. So ausgewogen kann man künftig also über Baustoffe debattieren.

 
Die Studie „Graue Energie von Einfamilienhäusern in Niedrigstenergie-Gebäudestandard“ zum Herunterladen (PDF, 1,7 MB)
 
Falls Sie noch kein Empfänger unserer Info-Mail sind, dann können Sie sich hier gleich anmelden.