Ein Expertengespräch mit spannenden Meinungen

Kluge Köpfe haben über mehr Klimaschutz auch ohne komplexe Technik diskutiert

Gebäude und ihre Technik werden immer besser. Trotzdem wird längst nicht so viel Energie eingespart wie erhofft – das weiß man in der Branche. So weit, so schlecht. Unklar ist derzeit, wo die Stellschrauben sind, welche Konsequenzen man daraus ziehen sollte und welche Innovationen helfen könnten. Das Fachmagazin „DW – die Wohnungswirtschaft“ hat im Mai Experten an einen Tisch geholt (mit viel Abstand natürlich), um das Thema zu durchleuchten und voranzubringen. Mit dabei waren kluge Köpfe aus Wissenschaft, Energieberatung und Baustoffindustrie.

"Haben wir Geld zum Fenster rausgeworfen? Oder haben wir etwas Wichtiges vergessen?“

Axel Gedaschko ist Präsident des GdW (Bundesverband der deutschen Wohnungs- und Immobilienunternehmen). Er brachte die Misere auf den Punkt: „In den letzten fünf Jahren haben wir zirka 1,2 Millionen Wohneinheiten in Deutschland neu gebaut. Weil diese energieeffizienter sind als ältere Gebäude, müsste dadurch der gesamte Energieverbrauch rechnerisch sinken. Zudem wurden Milliarden von Euro investiert, um Klimaschutzmaßnahmen im Bestand durchzuführen. Trotzdem hat sich der Energieverbrauch nicht reduziert. Haben wir also Geld zum Fenster rausgeworfen? Oder haben wir etwas Wichtiges vergessen?“
Prof. Timo Leukefeld, Solar-Unternehmer und Energieexperte, bestätigte: „Tatsächlich haben die berechneten Energieverbrauchswerte mit dem realen Verbrauch nichts zu tun. Theoretisch rechnet man mit einem Haus, in dem sich alle Mieter DIN-gerecht verhalten und die ganze Technik im besten Wirkungsgrad läuft. Das alles findet in den real gebauten Gebäuden aber überhaupt nicht statt.“ Was Gedaschko zu der provokanten Frage führte: „Stört eigentlich der Nutzer? Oder anders gefragt: Wie kann man den Mieter dabei unterstützen, sich so zu verhalten, dass die berechnete Energieeinsparung dann auch tatsächlich eintritt?“
 
 
"Ich glaube deshalb nicht, dass Smart Home die Lösung ist.“

Dass moderne Niedrigenergiehäuser nicht der Schlüssel sind, wurde in der Debatte immer deutlicher, als es um konkrete bauliche Umsetzung ging. Muss wirklich das ganze Haus gedämmt sein, braucht man Passivhaushüllen? Gegenstimmen von Leukefeld und auch von Prof. Thomas Auer, Lehrstuhlinhaber für Gebäudetechnologie. Leukefeld sagte: „Ein modernes, nach EnEV gebautes Einfamilienhaus hat spezifisch keinen niedrigeren Energieverbrauch als ein vor 100 Jahren gebautes Bauernhaus.“  Warum? Weil sich die Menschen im Bauernhaus alle in der Küche um den Kachelofen versammelten, in einer einzigen beheizten Kernzone. Auer, der selbst einen Altbau bewohnt und dort nur einzelne Räume heizt, untermauerte dies. Und zeigte sich zugleich als Skeptiker gegenüber modernen Lösungen: Laut Studien seien „diese ganzen Smart-Home-Geschichten Spielereien für Technik-Nerds, die zwar kurzfristig zu Einsparungen führen, langfristig aber oftmals einen Mehrverbrauch bewirken. Ich glaube deshalb nicht, dass Smart Home die Lösung ist.“

 
"... lassen Sie das doch alles weg.“

Und wohin steuern Förderungen? Ist das zu Ende gedacht, zumal die meisten Förderungen nach spätestens 20 Jahren auslaufen? Müsste man daran etwas verändern? Manchmal sei die Förderung sogar störend, sagt Leukefeld. Er berät Auftraggeber, die einen KfW-40-Standard haben wollen, inzwischen so: „Da müssen wir Ihnen ganz viel störanfällige Technik reinpacken, die Ihnen die Rendite versaut. Lassen Sie das doch alles weg.“ Was ihm wichtiger ist: betriebswirtschaftliche Argumente und Infos darüber, wie die Abschreibung einer Ziegelwand funktioniert, die 100 Jahre hält und in dieser Zeit nur gelegentlich frisch verputzt werden muss. Dadurch werde privaten Investoren klar, dass ihre Rendite steigt, und Genossenschaften, dass sie damit die Mieten niedriger halten können. Was Leukefeld ebenfalls auf dem Schirm hat: Es werde nicht mehr lange dauern, bis das Thema Heizen vom Thema Kühlen abgelöst werde. „In 30 Jahren hat sich das Klima so verändert, dass wir keine Heizung mehr brauchen.“
 
Den Bestand sinnvoll fit machen

Ein großes Thema ist auch der Bestand von 42 Millionen Wohnungen, die klimaneutral gemacht werden sollen. Zum Thema Sanieren hielt Gebäudetechnologie-Experte Auer fest: „Es ist nicht sinnvoll, 35 cm Wärmedämmung auf jedes Gebäude zu klatschen und den ganzen Bestand mit maschineller Belüftung auszustatten.“ Er will stattdessen über Geschäftsmodelle nachdenken, die Lebenszykluskosten abbilden. „Während der Planungs- und Bauphase fallen nur circa 20 % der gesamten Lebenszykluskosten eines Gebäudes an. Die restlichen 80 % summieren sich in der Nutzungsphase.“

Oliver Rühr, bei Wienerberger Leiter Project-Sales, sagte: „Ein Gebäude, das um 1900 gebaut worden ist, hat schon alles, was wir heute im Neubau anstreben: Robustheit, Massivität, Speicherfähigkeit. Warum muss ich ein solches Gebäude dämmen, wenn ich seine Energiebilanz auch auf anderen Wegen optimieren kann?“ Er hofft auf neue Standards jenseits der KfW-Vorgaben, weil innovative Lösungen nicht ins vorhandene System passen.
Lösungsansätze

Leukefeld als Praktiker weiß, wo er für die Zukunft hinwill: „Eines der großen Themen im Wohnungsbau ist die Enttechnisierung. Wir müssen uns trauen, viel beschworene Techniken infrage zu stellen.“ Er macht deutlich: Zur Kaltmiete kämen derzeit quasi als zweite Miete die Betriebskosten, die man Neubau mit sehr aufwändiger Technik zu drücken versuche. Dadurch drohe in der Praxis eine dritte Miete, nämlich Kosten für Wartung und Reparatur der Technik. „In Zukunft werden diese Kosten die Einsparung bei den Energiekosten bei Weitem übersteigen.“ Für ihn wäre es eine Lösung, bessere Hüllen aus nur wenigen verschiedenen Baustoffen zu schaffen und auf viele Teile der heute üblichen Haustechnik zu verzichten. Er schlägt konkrete Alternativen vor.
 
Das ganze Gespräch am Stück finden Sie in der PDF-Datei.
 
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